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100 Jahre KulturManagement

100 Jahre Kulturmanagement (erschienen 2012 im KM-Magazin anlässlich der Ausgabe zum Jubiläum 20 Jahre Kulturmanagement)

Schneller leben heißt allüberall die Devise, denn der Planet wird zu eng - räumlich, materiell, zeitlich. Der öko-jugendliche Slogan "Schnell noch mal die Welt retten" passt ganz gut dazu. Also spreche ich über gefühlte 100 Jahre, nicht mickrige 20.

Persönlich verbinde ich mit der Zeit des KM-Studiums von 91 bis 93 einige schöne Dinge: Den Start einer 6-köpfigen privaten Sozialversicherung - kriesenfest bis heute und inzwischen als professioneller Chor brauchbar; sodann eine Perspektive, eine Verheißung: Ein Ausweg aus dem Dilemma des marginalisierten Gitarrenlehrers und befehlsempfangenden Chor-Sekretärs, des meist mit den eigenen künstlerischen Leistungen unzufriedenen Musikanten. Kulturmanagement gibt uns, die wir die Latte immer zu hoch gelegt bekamen und jetzt selbst gar nicht mehr anders können, als dies zu wiederholen, die Möglichkeit, doch dabei zu sein. Der mittelmäßige Blockflötist mit dem schicken Anzug ist ein guter Provinz-Orchester-Manager geworden, der früher Mädchen-Herzen-brechende Klampfist leitet erfolgreich eine Musikschule und bald haben wir sicher die erste Ministerin, die eigentlich einmal Opern-Diva werden wollte. Vor allem aber sind gute Freunde und vertrauensvoll kritische Begleiter geblieben aus dieser Zeit des Aufbruchs. Kaum eine Phase meines Lebens war so prägend und grundlegend wie die zwei Jahres meines Diplom-Studiums Kulturmanagement in Hamburg. Vor den Diskussionen mit Muchtar al Ghusain, Kai Hartig, Christian Lorenz, Harald Schiller, Christian Schmidt-Doll und einigen mehr zehre ich noch heute, wir haben manches legendäre Projekt gemeinsam gestaltet und prächtig zusammen gefeiert. Danke!

Ist KM ein Beruf? Geworden? - Ich fürchte nein. Selbst wenn ich mit dem Titel und der Qualifikation hier und da hausieren gehe und immer wieder merke, wie mich künstlerische Ereignisse zu Managementfragen drängen (Warum ist das so, und nicht anders? Kann man das nicht besser machen? Geht das nicht günstiger? Warum rennt das Volk da hin? Warum "guckt hier wieder kein Schwein?"), so antworte ich Kindern und Greisen auf die Frage, was ich sei: Musiker.

Ich habe ein Faible für gutes Handwerk, weil man an der Qualität, Brauchbarkeit, Verzierung etc. die Liebe zu einer Sache erkennen kann. Ein Selbstzitat:

" ... der Text erschließt sich aus der Perspektive des Kulturmanagers, der fähig ist, diese Disziplin als Handwerk zu betrachten, wie es dem Wort Management ja immanent ist: Manus = Hand. Kulturmanagement an sich ist kein Selbstzweck und schon gar keine "Kunst". Es hat den Inhalten und Erfordernissen der Kunst zu dienen, so gut es geht. Erfahrung ist wichtig und nötig, vor allem aber die Bereitschaft, offen und ehrlich die eigene Arbeit ständig zu reflektieren, Schönheitsschleifen ebenso vermeidend wie Schludrigkeiten oder mangelnde Kommunikation zB bei zeitlichen Problemen. Ein guter Handwerker macht kein Trara um seine Arbeit und gibt der Kunst den Raum und die Bedingungen, die sie zum Gelingen braucht." (Auszug aus meinen Artikel "Kunst oder Handwerk" im Con-Brio-Buch "Hörräume öffnen" ...

Ich habe das Gefühl, ich kann dieses Handwerk nur Eins zu Eins weiter geben. Ich bräuchte eine/n Lehrling, EINE/N. Und obwohl ich das Weitergeben seit 20 Jahren übe, fühle ich mich jetzt erst in der Lage, dies gut und verantwortungsvoll zu tun. Verschulte Massen-Belehrung ist vielleicht ein Weg, aber nicht meiner. Es gibt so wenig wirklichen Luxus in dieser konsum-flachen Welt: Ich hoffe, mir diesen Luxus einmal leisten zu können: Für ein paar Jahre einen Menschen begleiten, beraten, kitzeln und schütteln zu dürfen.

Noch ein Wort zum Thema Selbständigkeit und Institutionen. Immer wieder hat es mich aus Institutionen heraus getrieben, weil ich es nicht ertragen kann, wie dort zwangsläufig Geld, Arbeitskraft und Liebe zur Sache vernichtet wird. Ich habe 1997 bewusst bei der Jungen Deutschen Philharmonie gekündigt und mit dem Kulturbüro Hamburg den Schritt in die Selbständigkeit gewagt, weil ich vital und offen bleiben wollte. Und ich habe durchgehalten, gegen manchen Widerstand. Seit 3 Jahren bin ich wieder in den Fängen einer Institution und erlebe das unwürdige Ende der Ära Rilling: Kindergarten, ist man versucht, zu rufen. Immerhin brauche ich wohl nicht die Scherben zusammen zu kehren, denn als "freier" werde ich angesichts der Löcher in der Kasse als erster gehen dürfen, egal wie wichtig "Musikvermittlung" heute angeblich ist. Das Schicksal meint es also wieder einmal gut mit mir. Und das sage ich ehrlich lächelnd!

Zur kultur-(lieb)losen Infarkt-Debatte könnte ich noch augenzwinkernd beisteuern: Schreiben wir doch einen Wettbewerb zur kreativen Abwicklung von Kulturschlachtschiffen aus. Hier ist echte Innovation gefragt, fürchte ich. Im Verlauf von 5 oder 10 Jahren ein Opernhaus kontinuierlich, sozialverträglich und begleitet von würdigen Trauergesängen zur Ruhe betten - das wäre eine wirklich neue Management-Aufgabe. Ich fürchte, wir werden sowohl mehr Geld für Bildung und Kultur aufwenden müssen (denn die Welt wird immer schwieriger zu retten) als auch Strukturen anpassen müssen (wer will noch Opern etc. hören? Wer zahlt das?), als auch den Mut entwickeln, verknöcherten Musentempeln und musealen Pflegeanstalten Feuer zu machen und und und. Nörgeln ist sowieso uncool, schon gar auf diesem Niveau, aber die begleitenden Beton-Reden unserer Kulturgewerkschafter sind einfach nur lächerlich. Basta.

Christian Zech